Was nebenan passiert ist (Ungekürzt)
Kritik
Schon der erste Moment, in dem Friederike die Tür nebenan öffnet, zieht dich mitten hinein in ein Drama, das nicht nur die Nachbarschaft, sondern auch ihre Seele bis ins Mark erschüttert. Rose Klay gelingt es, mit „Was nebenan passiert ist“ eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen, die einen nicht so leicht wieder loslässt.
Im Mittelpunkt steht Friederike, deren Leben nach einer grausamen Entdeckung – das kleine Mädchen nebenan wurde ermordet, der Vater liegt schwer verletzt da, doch die ältere Tochter und die Mutter sind spurlos verschwunden – komplett aus den Fugen gerät. Die Geschichte ist spannend ohne zu hetzen und entfaltet ihre düstere Spannung nach und nach, ohne sich in allzu verrückte Wendungen zu verlieren. Besonders Friederike empfand ich als wunderbar vielschichtig: verletzlich, kämpferisch und mit einer unglaublich berührenden Sehnsucht nach einem eigenen Kind. Ihre inneren Konflikte sind greifbar und machen sie zu einer Figur, mit der man mitfiebert und -leidet.
Rose Klays Schreibstil ist dabei absolut zugänglich – klar, schnörkellos und trotzdem mit einer feinen Portion Emotion, die genau die richtige Balance zwischen Spannung und Gefühl hält. Man spürt regelrecht, wie die Medienkritik, die Ungewissheit und der soziale Druck Friederikes Leben erdrücken, ohne dass es je zu aufdringlich wirkt. Was mir aber besonders gefiel: Die Geschichte ist kein reiner Krimi, sondern vielmehr ein fein gewobenes Psychodrama mit all seinen Graustufen.
Kritisch gesehen hätte ich mir manchmal ein bisschen mehr Tempo gewünscht, an manchen Stellen zieht sich die Erzählung etwas und verliert kurzzeitig an Spannung. Auch die Auflösung bleibt ein wenig im Schatten – gerade weil die Geschichte so auf das Innenleben der Protagonistin setzt, hätte ich mir da etwas mehr Klarheit gewünscht.
Wer gerne komplexe Charakterzeichnungen liest, sich nicht vor ernsten Themen scheut und auf stille Spannung steht, ist hier genau richtig. „Was nebenan passiert ist“ ist kein einfach zu verdauendes Buch, aber ein lohnendes, das auch lange nach dem Lesen nachhallt.
Ich vergebe 4 von 5 Sternen – ein intensives, bewegendes Psychodrama mit spannendem Kern und nur kleinen Schwächen in der Erzähltempo- und Lösungsfindung. Absolut empfehlenswert für alle, die gerne über den Tellerrand der reinen Krimihandlung hinausblicken möchten.