Sonne über Gudhjem
Kritik
Schon nach den ersten Seiten von „Sonne über Gudhjem“ fühlt man sich fast selbst in das ruhige, fast schon verträumte Bornholm versetzt – bis der Mordfall die Idylle brutal durchbricht. Michael Kobr schafft es, mit seinem Auftakt einer neuen Krimireihe genau diese reizvolle Spannung zu erzeugen: Ferienflair trifft auf dunkle Geheimnisse.
Im Mittelpunkt steht Lennart Ipsen, ein leitender Kriminalbeamter mit Ecken und Kanten, der mehr als nur mit seiner Umwelt hadert. Geschieden, gesundheitlich angeschlagen und auf der Suche nach einem Neuanfang auf der dänischen Sonneninsel – doch leicht wird es ihm nicht gemacht. Der Fund des Schweinebauer Kristensen in dessen Räucherkammer ist der Startschuss für ein Kammerspiel aus Misstrauen, Ärger und alten Rechnungen. Ipsens nüchterner, manchmal fast grantiger Blick auf die Situation macht ihn sehr sympathisch und glaubwürdig – kein glattgebügelter Held, sondern jemand, der auch mal zweifelt und Fehler macht.
Kobrs Erzählstil ist angenehm unaufgeregt, klar und fast schon lakonisch, was dem Setting und den Charakteren gut tut. Hier wird nicht groß getrommelt, sondern eher leise erzählt – und genau das bringt die Geschichte zum Leben. Besonders gelungen finde ich, wie er die Schönheit der Insel mit ihren Schattenseiten verwebt. Man spürt die Sonne, aber auch die Bedrückung, wenn der Schein trügt.
Einziger kleiner Wermutstropfen: Manche Nebenfiguren hätten gern noch etwas mehr Tiefe vertragen können, und gelegentlich schleicht sich ein bisschen Klischee ein, das man in einem Krimi wie diesem aber schnell verzeiht. Die Spannung wird zwar gut aufgebaut, gelegentliche Längen sorgen aber dafür, dass das Tempo nicht immer mit dem Sonnenstand mithalten kann.
Wer auf der Suche nach einem angenehm ruhigen, dabei aber spannend erzählten Krimi mit authentischen Figuren und einem Hauch von dänischem Flair ist, sollte bei „Sonne über Gudhjem“ unbedingt zugreifen. Für alle, die knallharte Action erwarten, ist das Buch vielleicht eher nichts – hier steht das Charakterdrama und die Atmosphäre im Vordergrund.
4 von 5 Sternen – ein stimmiger Reihenauftakt, der Lust auf mehr Bornholm macht.
Klappentext
Weiße Strände, goldgelbe Felder, idyllische Küstendörfer und Sonne rund ums Jahr: Die gemütliche dänische Urlaubsinsel Bornholm scheint der ideale Platz, um das Leben ein wenig ruhiger angehen zu lassen. Das denkt sich zumindest der hochdekorierte Kriminalpolizist Lennart Ipsen und übernimmt daher – frisch geschieden und gesundheitlich angeschlagen – bewusst die Leitung der überschaubaren Insel-Kripo. Doch statt Angelfahrten und Joggen am Strand wartet gleich sein erster Mordfall auf ihn: Schweinebauer Kristensen wird tot in der eigenen Räucherkammer aufgefunden. Schnell wird klar, dass Kristensen ein unangenehmer Zeitgenosse war, mit dem viele eine Rechnung offen hatten. Und dass eine Mordermittlung auch auf Dänemarks Sonneninsel so manche Schattenseite ans Licht zu bringen vermag …
Ungekürzte Lesung mit Axel Milberg
12h 3min