Wenn dir das hier gefiel …
Der Tod des Iwan Iljitsch
Key Facts
Kritik
Manchmal begegnet einem ein Buch, das einen scheinbar einfachen, aber zutiefst menschlichen Moment so eindringlich einfängt, dass man sofort in die Geschichte hineingezogen wird. „Der Tod des Iwan Iljitsch“ von Leo N. Tolstoi, diesmal fein übersetzt von Julie Goldbaum, ist genau so ein Buch – trocken oberflächlich sein Leben zu leben, bis die eigene Sterblichkeit unaufhaltsam vor einem steht.
Die Handlung lässt sich kurz zusammenfassen, aber der wahre Schatz liegt in der psychologischen Tiefe: Iwan Iljitsch, ein durchschnittlicher Mann, Beamter irgendwie im Einerlei seines Alltags gefangen, sieht sich plötzlich mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert. Was folgt, ist keine klassische Heldensaga, sondern ein schonungsloser Blick auf Angst, Verdrängung und die Suche nach Sinn im Angesicht des Unvermeidlichen. Trotz der ernsten Thematik kommt der Text nie zu schwermütig daher – im Gegenteil, Tolstois nüchterner, klarer Stil schafft Raum für Reflexion statt Mitleidsökonomie.
Die Figuren sind vielschichtig, allen voran Iwan selbst, dessen innerer Kampf so realistisch geschildert wird, dass man sich fast unweigerlich mit ihm identifiziert. Julie Goldbaums Übersetzung trägt dazu bei, den originalen Ton behutsam und doch lebendig ins Deutsche zu holen – ein Pluspunkt, der dem Klassiker eine moderne Note verleiht, ohne den Charme des Originals zu verlieren.
Was mir besonders gut gefallen hat, ist, wie Tolstoi die Banalität des Lebens neben die schmerzliche Erkenntnis seiner Endlichkeit stellt. Da wird aus einem scheinbar banalen Alltag plötzlich ein existenzielles Drama, das einen packt und nicht mehr loslässt. Allerdings kann der philosophische Anspruch das Buch für manche Leser etwas dicht und fordernd erscheinen lassen – es ist kein Roman zum schnellen Weglesen, sondern fordert Muße und Nachdenken.
Aber wenn ihr Lust auf ein Werk habt, das nicht nur literarisch beeindruckt, sondern auch existenziell berührt, dann ist „Der Tod des Iwan Iljitsch“ definitiv ein guter Griff. Kein leichtes Thema, aber eines, das man nicht so schnell vergisst.
Klare 4.5 von 5 Sternen – weil Tolstoi hier mit schlichter Sprache Großes schafft, das noch lange nachhallt.
Klappentext
Übersetzt von Julie Goldbaum, Wiener Verlag, Wien 1904.
Neuausgabe mit einer Biographie des Autors.
Herausgegeben von Karl-Maria Guth.
Berlin 2017.
Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage.
Gesetzt aus der Minion Pro, 11 pt.