Die Wut, die bleibt (Ungekürzte Lesung)
Kritik
Manchmal liest man ein Buch, das einen irgendwie wachrüttelt – und genau das schafft Mareike Fallwickl mit „Die Wut, die bleibt“ spielend. Hier geht es um viel mehr als Trauer: Es geht um Frauen, die scheinbar an unsichtbaren Lasten zerbrechen, um das unerträgliche Schweigen hinter perfekten Fassaden und um die Energie, die aufbegehrt. Schon nach den ersten Minuten der ungekürzten Lesung hat mich die rohe Ehrlichkeit gepackt, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht.
Die Handlung dreht sich um Helene, eine Mutter, deren plötzlicher Tod einen Sturm aus Verzweiflung, Schuldgefühlen und einem zähen Ringen um Halt bei ihrer Familie auslöst. Ihre Tochter Lola trägt vor allem eines mit sich herum: Wut. Und da ist noch Sarah, Helenes beste Freundin, die zwischen Bewunderung und Mitleid schwankt. Die Autorin verweilt gekonnt in den Köpfen dieser drei Frauen, was den Figuren unglaublich viel Tiefe gibt – man fühlt den Schmerz, die Frustration, aber auch das zarte Aufflackern von Hoffnung und Trotz.
Fallwickls Schreibstil ist unaufgeregt, aber prägnant, fast wie ein Blick durch ein klares Fenster, das einem die Schönheit und Härte zugleich zeigt. Besonders beeindruckend fand ich, wie sie es schafft, eine so sensible und doch radikale Geschichte zu erzählen, ohne jemals in Kitsch abzurutschen. Die Stimmen der Frauen sind glaubwürdig, manchmal laut und roh, manchmal leise und nachdenklich – das ist Engagement, das man hören möchte.
Allerdings muss ich zugeben, dass die Erzählweise mitunter etwas schwer zugänglich bleibt, gerade weil sich die Perspektiven so intensiv abwechseln und die Emotionen sich fast überladen anfühlen können. Nicht jeder Moment fließt ganz mühelos, und manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Wut, die bleibt, fast zu sehr auf die Spitze getrieben wird. Aber gerade das unterstreicht ja auch die Thematik – ungeschönt, ehrlich, unbequem.
Wer also Lust auf ein Buch hat, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken bringt und das Herz schwer und gleichzeitig stark macht, sollte hier unbedingt reinhören. „Die Wut, die bleibt“ ist kein Wohlfühlroman, sondern ein Aufruf, hinzusehen und die Stimmen der Frauen wirklich zu hören.
Vier von fünf Sternen – für die Kraft der Geschichte und die Klarheit der Sprache. Dieses Hörbuch bleibt im Kopf, und das ist selten genug.