Höllenkalt
Kritik
Manchmal gibt es Geschichten, die einen sofort packen, ohne dass man es groß bemerkt. So ging es mir mit „Höllenkalt“ von Lilja Sigurdardóttir – dieses Buch zieht dich in die eisige Atmosphäre Islands hinein und lässt dich nicht mehr los. Im Zentrum steht Áróra Jónsdóttir, eine scharfsinnige Ermittlerin, die eigentlich mit Wirtschaftskriminalität ihre Brötchen verdient. Doch als ihre Schwester Ísafold spurlos verschwindet, wird aus klarer Rechnung plötzlich ein emotionales Chaos. Áróra stellt sich auf eine riskante Suche ein, die nicht nur schmerzhafte Familiengeheimnisse zu Tage fördert, sondern auf den ersten Blick undurchsichtige menschliche Abgründe offenbart.
Die Figuren sind wunderbar vielschichtig – besonders Áróra, die trotz ihrer Kompetenz in ihrem Job eine gewisse Einsamkeit mit sich herumträgt. Man spürt förmlich, wie sehr der Fall ihr unter die Haut geht und wie sie sich zwischen Pflichtgefühl und Eigeninteresse hin- und herreißen lässt. Der Schreibstil von Sigurdardóttir ist angenehm klar und direkt, ohne dabei nüchtern zu wirken. Sie schafft es, Spannung aufzubauen, ohne mit übertriebenen Effekten zu jonglieren. Island wird zu einem fast schon lebendigen Schauplatz, der mit seiner Kälte und Abgeschiedenheit die Stimmung perfekt unterstreicht.
Klar, an manchen Stellen hätte ich mir noch einen etwas tiefergehenden Einblick in Áróras Privatleben gewünscht, um sie noch besser zu verstehen. Auch zwischendurch sind die Ermittlungen etwas zäh, und der Aufbau ist nicht durchgehend gleich spannend. Aber ehrlich gesagt, das trübt das Lesevergnügen nur minimal, weil die Charaktere und die düstere Grundstimmung so mitreißend sind.
Wer auf authentischen, nordischen Krimistoff steht, der sich Zeit nimmt, um Atmosphäre und Figuren zu entfalten, ist bei „Höllenkalt“ goldrichtig. Kein Thriller-Feuerwerk, aber ein cleverer, emotionaler Fall, der nachhallt. Für alle, die Geschichten mögen, die nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern auch das Herz berühren.
4 von 5 Sternen – cool, kühl und richtig nachdenklich.