Wer sind wir? - Deutschland auf der Suche nach seiner Identität (Ungekürzte Lesung)
Kritik
Schon beim ersten Reinhören in Joschka Fischers „Wer sind wir? - Deutschland auf der Suche nach seiner Identität“ spürt man, dass hier kein gewöhnliches Politikbuch auf dem Tisch liegt. Statt trockener Analysen haut der ehemalige Außenminister seine Gedanken direkt raus und nimmt kein Blatt vor den Mund – das ist erfrischend ehrlich und so gar nicht akademisch abgestanden.
Das Buch gibt einen spannenden Einblick in die schwierige Rolle Deutschlands im sich rasant verändernden globalen Machtgefüge. Von der Frage, ob wir endlich den Verteidigungsetat hochfahren sollten, bis hin zur Debatte über die Wiedereinführung der Wehrpflicht – Fischer diskutiert es mit einer Mischung aus Erfahrung, Pragmatismus und auch einer ordentlichen Portion Verantwortung für die Zukunft unseres Landes. Dabei wird klar: Deutschland steht am Scheideweg zwischen einer postnationalen Vergangenheit und einer Welt, die neue Präsenz von uns verlangt.
Fischers Stil ist dabei locker, fast wie ein gemütliches Gespräch mit einem alten Hasen der Politik, der weiß, wovon er redet, aber keine Lust hat, damit zu belehren. Man merkt ihm die Leidenschaft an, mit der er um Vertrauen wirbt, das Deutschland sich über Jahrzehnte hart erarbeitet hat. Kein lautes Pathos, eher ein ruhiger Weckruf, der unter die Haut geht. Wer auf nüchterne Fakten und komplexe Zukunftsszenarien steht, bekommt hier spannende Denkanstöße ohne Überforderung.
Natürlich ist das Buch kein Wohlfühl-Schmöker: Manche Passagen sind durchaus etwas sperrig, und gelegentlich wünscht man sich, Fischer würde noch mehr konkrete Lösungswege vorschlagen statt nur die Herausforderungen zu benennen. Aber mal ehrlich – bei so einem Thema ist das auch nicht einfach.
Wer also Interesse an Deutschland hat, an seinem Platz in der Welt und an einer ehrlichen Diskussion darüber, wohin die Reise gehen könnte, ist hier genau richtig. Für alle anderen könnte die Lektüre etwas zu politisch trocken wirken.
Mein persönliches Fazit: Ein mutiger und kluger Blick auf unser Land, der zum Nachdenken anregt und wichtig ist, gerade in unruhigen Zeiten. 4 von 5 Sternen.