Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede
Kritik
Kaum ein Buch schafft es, so nah an den Gedankenstrom eines Menschen heranzukommen und dabei so leichtfüßig zu bleiben – Haruki Murakami öffnet hier tatsächlich das Fenster zu einer seiner geheimen Welten. „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ ist weniger ein klassischer Roman als eine persönliche Meditation über zwei Dinge, die Murakami antreiben: Schreiben und Laufen. Wer also auf der Suche nach einer spannenden Story oder dramatischen Wendungen ist, wird hier nicht fündig – dafür aber bei einer ehrlichen, sehr nahbaren Selbsterzählung.
Im Kern geht es um Murakamis jahrzehntelanges Verhältnis zum Laufen, das für ihn weit über reine Sportroutine hinausgeht. Es ist ein Ritual, eine Lebensschule, und manchmal fast eine Metapher für seinen künstlerischen Werdegang. Der Autor lässt uns teilhaben an Momenten der Selbstzweifel, an kleinen Siegen und auch an der ganz persönlichen Art, den inneren Schweinehund zu bezwingen. Dabei fühlt man sich fast wie bei einem vertraulichen Plausch, so entspannt und locker schreibt Murakami. Seine Stimme bleibt dabei feinfühlig, ohne in Kitsch abzudriften. Besonders schön fand ich, wie er die Parallelen zwischen dem langen, einsamen Lauf und dem Prozess des Schreibens herausarbeitet – das gibt einem sofort Lust, selbst die Laufschuhe zu schnüren oder zumindest die eigenen Routinen zu überdenken.
Wer Murakami kennt, weiß, dass sein Stil meist minimalistisch und prägnant daherkommt – hier trifft das voll zu, das macht das Buch leicht und schnell lesbar. Es sind nicht die großen Worte, sondern die kleinen Einsichten, die hängenbleiben. Einziger Wermutstropfen: Für Leserinnen und Leser, die mit sportlicher Betätigung so gar nichts anfangen können, könnte das Buch stellenweise etwas trocken wirken, denn die Beschreibungen von Trainingsplänen und Wettkämpfen sind schon sehr detailliert. Aber das ist wirklich Jammern auf hohem Niveau bei einem so ehrlich erzählten Werk.
Kurz gesagt: Wer sich für die Balance zwischen Körper und Geist interessiert, ein bisschen experimentierfreudig ist und Lust auf einen sehr persönlichen Einblick in Murakamis Leben hat, wird hier nicht enttäuscht. „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ ist eine inspirierende, kleine Auszeit aus dem Alltag – wie ein langer Lauf durch die Gedankenwelt eines großartigen Autors.
** (4 von 5 Sternen)