Älterwerden für Anfänger: Was ich mir dabei von Nana Mouskouri, Thomas Gottschalk und meiner Mutter abschauen möchte – und was lieber nicht
Kritik
Wer denkt, mit 50 sei das Leben halb vorbei, wird bei Alexander Kühn schnell eines Besseren belehrt – oder zumindest charmant durchgerüttelt. In „Älterwerden für Anfänger“ nimmt uns der Spiegel-Reporter mit auf seine ganz persönliche Reise ins Älterwerden, die alles andere als trocken oder resigniert daherkommt. Stattdessen begegnet er dem Thema mit Humor, Neugier und einer gehörigen Portion Selbstironie.
Das Buch ist im Grunde eine Mischung aus autobiografischem Blick und journalistischem Interview-Potpourri. Kühn reflektiert seine Gefühle, Zweifel und kleinen Wehwehchen (Gleitsichtbrille, Ischias – ja, ich fühl’ mit!), während er gleichzeitig Persönlichkeiten von Nana Mouskouri über Thomas Gottschalk bis hin zu jungen YouTubern wie Rezo nach ihren Sichtweisen zum Alter befragt. Diese Vielfalt an Stimmen bringt Dynamik und Abwechslung ins Buch und löst so manches Klischee charmant auf. Was ich besonders schätzte: Kühn schafft es, die Balance zu halten zwischen ernsten Themen, alltagsnahen Beobachtungen und humorvollen Anekdoten. Dadurch fühlt sich das Ganze nicht nach Ratgeber-Frontalunterricht, sondern eher wie ein aufgeschlossener Plausch unter Freunden an.
Die Hauptfigur – na ja, genauer gesagt, der Erzähler selbst – bleibt dabei stets sympathisch nahbar. Man erkennt sich in seinen Fragen wieder, spürt das Unbehagen beim Blick in den Spiegel, hat aber auch Freude an den kleinen Erkenntnissen, wie man mit dem Älterwerden vielleicht sogar cool umgehen kann. Die Auflockerung mit Promi-Interviews ist ein originelles Stilmittel, das frischen Wind reinbringt und Lust macht, selbst mal den Blickwinkel zu wechseln.
Kritik? Klar, manchmal hätte ich mir noch etwas mehr Tiefgang gewünscht, gerade bei den ganz großen Lebensthemen. Manchmal verharrt Kühn etwas zu lange in der ironischen Distanz, anstatt emotional tiefer einzutauchen – aber das ist vielleicht auch Geschmackssache. Und wer auf knallharte Life-Coach-Mantras hofft, wird hier nicht fündig, das Buch ist eher ein sanfter Begleiter als ein strikter Leitfaden.
Für alle, die sich selbst gerade an der Schwelle zum mittleren Alter wiederfinden und keinen Lust auf Pathos, sondern auf ehrliche, unterhaltsame Reflexionen haben, ist das hier eine klare Empfehlung. Kühn zeigt, dass Älterwerden nicht das Ende, sondern vielmehr eine neue spannende Phase im Leben bedeutet – mit allen kleinen Macken und Überraschungen.
Meine Bewertung: 4 von 5 Sternen. Locker, smart und mit viel Herz – ein Buch, das man gerne weitergibt.
Klappentext
»In wenigen Monaten wird etwas Dramatisches passieren. Ich werde 50. Mehr als die Hälfte meiner Zeit ist dann vermutlich rum. Wir, die Generation Golf, gehören zu den Oldtimern. Ich trage jetzt eine Gleitsichtbrille, der Ischias tut weh. In Cafés, in denen junge Gäste geduzt werden, siezt die Kellnerin mich. In der Firma gehöre ich plötzlich zu den Älteren. Wie blicken die Jüngeren wohl auf mich? Und wie vermeide ich es, ein Früher-war-alles-Besserwisser zu werden? Wie werde ich ein cooler Alter, der die moderne Welt als bereichernd empfindet, der neugierig ist und offen?«
In diesem Buch erzählt SPIEGEL-Reporter Alexander Kühn von dem Jahr, in dem er 50 wurde – und wie es ihm gelang, seinen Frieden zu machen mit dem Älterwerden. Dafür tat er das, was Journalisten nun mal tun: Er sprach mit interessanten Menschen, bekannten und weniger bekannten, älteren, alten und sehr alten, darunter der Milliardär Klaus-Michael Kühne oder Otto Waalkes, Barbara Schöneberger und Nana Mouskouri, Thomas Gottschalk und der YouTuber Rezo, eine Sekretärin, eine trans Frau und ein Bäckermeister. Von manchen wird er sich abschauen, wie er gut altern möchte, von anderen lieber nicht.
Ein ebenso unterhaltsames wie inspirierendes Buch, das zeigt, wie vielfältig, aufregend und bereichernd das Leben auch jenseits der 50, 60, 70, 80 sein kann – und dass Prominenz nicht automatisch altersweise macht.