Die Zeuginnen
Kritik
Schon wenn du das Buch aufschlägst, spürst du diese fast greifbare Spannung, die Margaret Atwood entfacht – eine Mischung aus Hoffnung, Angst und knallhartem Realismus, die einen nicht mehr loslässt. „Die Zeuginnen“ setzt die düstere Welt von Gilead zwanzig Jahre nach den Ereignissen aus „Der Report der Magd“ brillant fort, ohne dabei in altbekannte Muster zu verfallen. Statt nur von Offreds Schicksal zu erzählen, schlüpft Atwood gekonnt in die Perspektiven von drei Frauen, deren Leben auf unterschiedlichste Weise mit dem Regime verflochten sind.
Diese drei Erzählerinnen bringen frischen Wind in die Geschichte: Da ist die idealistische Agnes, die naiv in das System hineingewachsen ist, die kluge und mutige Zeugin Daisy, und natürlich Offred, die wir schon kennen, deren Geschichte sich hier weiter entfaltet. Was ich besonders gefeiert habe, ist, wie Atwood es schafft, aus diesen Stimmen eine komplexe, lebendige Gesellschaft zu weben, die gleichzeitig erschreckend plausibel wirkt. Der Schreibstil? Klar, direkt und dabei erstaunlich elegant – für mich eine wahre Erfrischung im Genre, das manchmal allzu düster und schwer zu lesen sein kann.
Natürlich gibt’s auch Momente, in denen die Erzählung etwas schleppend wirkt, und man sich wünscht, ein bisschen schneller durch die Kapitel zu kommen. Manchmal ist’s mir ein klein wenig zu erklärend, fast so, als müsste die Autorin ihrer Leserschaft alles haarklein auseinandernehmen. Aber gut, das geht für eine Geschichte dieses Umfangs und dieser Komplexität noch absolut in Ordnung.
Wenn du Geschichten liebst, die nicht nur unter die Haut gehen, sondern auch zum Nachdenken anregen und lange nach dem letzten Satz in dir weiterwirken – dann ist „Die Zeuginnen“ genau dein Ding. Ein Buch, das genau in unsere Zeit passt und uns vor Augen führt, wie zerbrechlich Freiheit sein kann.
4 von 5 Sternen – ein packender, mutiger Roman, der dich herausfordert und gleichzeitig mitreißt. Definitiv lesenswert!