Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
Kritik
Schon beim ersten Blick auf „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ spürt man dieses ganz besondere Gefühl von Vergangenheit, die flüstert, und Zukunft, die noch unbeschrieben liegt. Alena Schröder nimmt uns mit auf eine Reise, die zwischen den Zeiten pendelt und tief ins Herz einer Familie und ihrer Geschichte eintaucht.
Im Mittelpunkt steht Hannah, eine junge Frau in Berlin, deren Leben sich gerade erst entfalten will – und deren Alltag plötzlich durch einen geheimnisvollen Brief auf den Kopf gestellt wird. Ihre fast hundertjährige Großmutter Evelyn hält dabei viele Geheimnisse verborgen, insbesondere über die jüdische Familiengeschichte, von der Hannah bislang nichts ahnte. Die Erbschaft eines verschollenen Kunstvermögens ist der Katalysator, der Sophie zum Nachforschen zwingt und uns Lesende rasant durch Jahrzehnte voller Liebe, Verlust und Mut führt. Dabei begegnet man der stark gezeichneten Figur der Senta, Evelyns Mutter, die sich gegen gesellschaftliche Zwänge auflehnt und für ein freies Leben kämpft – eine eindrucksvolle Lebensgeschichte, die weit über einzelne Schicksale hinausgeht.
Schröders Schreibstil ist dabei das, was das Buch wirklich lebendig macht: klar und dennoch atmosphärisch, mit einer schönen Balance zwischen anrührenden Momenten und spannender Handlung. Sie schafft es mühelos, Emotionen zu transportieren, ohne kitschig zu werden. Die Figuren wirken authentisch und vielschichtig, was einem das Gefühl gibt, sie persönlich zu kennen. Man liest Seite um Seite und fragt sich immer wieder, wie viel von dem, was unsere Eltern und Großeltern erlebt haben, wirklich bei uns angekommen ist und was wir womöglich nie erfahren werden.
Was mir allerdings ein wenig gefehlt hat, war manchmal etwas mehr Tempo im Mittelteil. Da schleppt sich die Geschichte manchmal hin, was der Spannung einen kurzen Dämpfer verpasst. Außerdem hätten manche Details zum historischen Kontext noch etwas tiefer beleuchtet werden können, aber das ist Jammern auf hohem Niveau!
Für alle, die Lust auf ein Buch haben, das mehr ist als nur eine Familiengeschichte – ein Roman, der Fragen nach Identität, Freiheit und dem Erbe der Vergangenheit aufwirft, ohne schwerfällig zu wirken – ist „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ genau das richtige. Ein Buch zum Nachdenken, Mitfühlen und Abtauchen. Von mir gibt’s starke 4 von 5 Sternen. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer berührenden Lektüre belohnt, die noch lange nachklingt.