Leben und sterben lassen
Kritik
Kaum ein Buch hat mich zuletzt so gepackt wie „Leben und sterben lassen“ von Marc Hinzmann – und das nicht etwa, weil es spektakulär inszeniert wäre, sondern weil es so ungeschönt und ehrlich erzählt ist. Hier geht es um eine Situation, die man sich kaum vorstellen kann: Ein junger Oberleutnant, plötzlich mitten im Chaos am Flughafen in Kabul, der entscheiden muss, wer noch einen Platz im Evakuierungsflieger bekommt – ohne klare Anweisungen, ohne Unterstützung und ohne Sicherheit über die Konsequenzen.
Marc Hinzmann nimmt uns mit auf diese Reise in eine moralische Zwickmühle, die sich wie ein schwer zu atmender Druckballast anfühlt. Seine Gedankenwelt und seine Selbstzweifel sind so nah und nachvollziehbar, dass man direkt in die Geschichte hineinrutscht. Die Figuren kommen nicht als Helden oder Schurken daher, sondern als Menschen mit Ecken, Kanten und Zweifeln – das macht das Ganze umso glaubwürdiger. Besonders gut gelungen finde ich Hinzmanns Erzählstil: Klar, präzise, teilweise nüchtern, aber mit solch einem Feingefühl für die kleinen Details und emotionalen Momente, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.
Was mir manchmal ein wenig fehlte, war ein größerer Kontext oder mehr Hintergrund zur politischen Lage – aber hey, das ist auch nicht der Fokus hier. Es geht eher um das „Persönliche“ in einer unmenschlichen Situation. Manchmal kommt das Buch so nahe an eine Art Selbstanalyse, dass es fast schon zum Stillstand führt, aber genau diese Offenheit macht es auch so besonders.
Wenn du Lust auf einen authentischen, intensiven Einblick in ein Kapitel moderner Militärgeschichte hast, das eher den Menschen als den Helden zeigt, dann ist „Leben und sterben lassen“ definitiv ein Kandidat für deinen Lesestapel. Für alle, die schnelle Action wollen, könnte das etwas zu introspektiv sein, aber gerade das macht den Reiz aus.
Insgesamt vergebe ich solide 4 von 5 Sternen – ein bewegendes, ehrliches Buch, das nachwirkt und zum Nachdenken anregt. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine Geschichte, die nicht nur informiert, sondern auch berührt.