Tabu
Kritik
Manchmal reichen ein paar Worte – und schon hängt man mittendrin in einer Geschichte, die einen nicht mehr loslässt. So ging es mir mit „Tabu“ von Ferdinand von Schirach. Die Geschichte um Sebastian von Eschburg, einen Künstler, der mit seiner Kunst die Grenzen von Wahrheit und Wirklichkeit aufbrechen will, zieht sofort in ihren Bann. Der junge Mann verliert als Kind seinen Vater durch Selbstmord, und diese Erfahrung prägt ihn tief. Während er seine innere Zerrissenheit in Fotografien und Videoinstallationen verarbeitet, kreist die Handlung um nichts Geringeres als die Fragen nach Schönheit, Einsamkeit und den Abgründen der menschlichen Seele.
Im Zentrum steht nicht nur Sebastian, sondern auch Konrad Biegler, der alte Anwalt, der Sebastian verteidigt – und dabei mehr über sich selbst entdeckt, als er erwartet hätte. Schirachs Erzählstil ist dabei eben genau das: prägnant, aber nie kalt, mit einem feinen Gespür für die Vielschichtigkeit seiner Figuren. Die Sprache wirkt so unaufgeregt, dass man erst beim Weiterlesen merkt, wie sehr einen die Geschichte berührt. Matthias Brandt als Sprecher macht die ungekürzte Lesung zu einem intensiven Erlebnis, das ich wärmstens empfehlen kann, falls ihr eher auf Hörbücher steht.
Klar, an manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr Tiefe bei den Nebenfiguren gewünscht – da bleiben sie manchmal etwas blass. Außerdem ist der Spannungsbogen nicht durchgängig hitzig, sondern eher subtil und nachdenklich, was nicht jedem liegen wird. Aber hey, wer auf psychologische Spannung und eine melancholische Betrachtung menschlicher Abgründe steht, wird hier bestens bedient.
Fazit: „Tabu“ ist ein intelligentes, emotionales und kunstvoll erzähltes Stück Literatur, das nicht nur Fans von Ferdinand von Schirach begeistern wird. Wer sich auf eine ruhigere, aber intensive Geschichte einlassen möchte, findet hier einiges zum Nachdenken – und einen faszinierenden Blick auf die Kunst als Spiegel der Seele.
4 von 5 Sternen.
Klappentext
Sebastian von Eschburg verliert als Kind durch den Selbstmord seines Vaters den Halt. Er versucht, sich durch die Kunst zu retten. Er zeigt mit seinen Fotografien und Videoinstallationen, dass Wirklichkeit und Wahrheit verschiedene Dinge sind. Es geht um Schönheit, Sex und die Einsamkeit des Menschen. Als Eschburg vorgeworfen wird, eine junge Frau getötet zu haben, übernimmt Konrad Biegler die Verteidigung. Der alte Anwalt versucht, dem Künstler zu helfen – und damit sich selbst.
Ungekürzte Lesung mit Matthias Brandt
4h 48min