Shitbürgertum (Ungekürzt)
Kritik
Schon nach den ersten Minuten merkt man: Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen. Ulf Poschardt packt in „Shitbürgertum“ ein heißes Eisen an – mit spitzer Feder und einem ordentlichen Schuss Provokation. Sein Thema? Der neue Typus des „Shitbürgers“, der moralische Besserwisser, der mit erhobenem Zeigefinger seine Privilegien verteidigt und dabei die Gesellschaft in eine lähmende Überforderung manövriert.
Der Autor, ein erfahrener Journalist, nimmt uns mit auf eine analytische Reise durch die westlichen Gesellschaften, zeigt, wie der Shitbürger die Institutionen wie Kultur, Medien und Wissenschaft infiltriert hat – und warum das Deutschland in eine Art Identitätskrise stürzt. Dabei bleibt das Buch kein trockener Vortrag, sondern ein klug geschriebenes, manchmal bissig-sarkastisches Essay, das mehr zum Nachdenken anregt, als man vorher erwartet.
Poschardts Schreibstil ist lebendig und direkt, was den Inhalt trotz des teilweise trockenen Themas gut lesbar macht. Seine Kritik trifft oft ins Schwarze, das hat man nicht jederzeit so klar vor Augen. Zum Glück wirkt das Ganze nicht zu belehrend, sondern fordert eher dazu auf, die eigene Haltung zu reflektieren – auch wenn man gelegentlich gern mal den Kopf geschüttelt hat über manche seiner drastischen Thesen.
Einzige kleine Schwäche: Manche Passagen laufen ein bisschen Gefahr, ein bisschen zu sehr im Elfenbeinturm-Diskurs zu verharren und könnten Anfänger im Thema vielleicht etwas überfordern. Ein bisschen mehr Praxisbezug oder Beispiele aus dem Alltag hätten dem Ganzen gut getan.
Wer Lust hat, mal hinter die Fassade der modernen Moral- und Gesellschaftskritik zu blicken, die Mechanismen des Shitbürgertums verstehen will und sich nicht scheut vor einer ordentlichen Portion bissiger Analyse, der ist hier genau richtig. Ein Buch, das provoziert, wachrüttelt und zum kontroversen Gespräch animiert.
Fazit: Ein mutiges, geistreiches Essay mit Ecken und Kanten, das mehr provoziert als bequem macht – genau deshalb empfehlenswert für alle, die sich mit den Herausforderungen unserer Zeit kritisch auseinandersetzen wollen.
4 von 5 Sternen.