Dius
Kritik
Manchmal reicht ein unerwarteter Besuch, um das Leben in neue Bahnen zu lenken – genau das passiert, als Dius an Antons Tür klingelt. Schon die erste Begegnung fühlt sich an wie ein Versprechen auf eine Geschichte, die zugleich vertraut und überraschend leichtfüßig daherkommt. Stefan Hertmans fängt mit „Dius“ diese besondere Dynamik zwischen zwei Menschen ein, die auf den ersten Blick nicht viel verbindet, deren gemeinsamer Alltag sich aber in einer alten nordisch rauen Landschaft zu einem echten Miteinander formt.
Die Handlung dreht sich um Anton, einen Kunsthochschul-Dozenten, dessen ruhiges Leben ordentlich durchgeschüttelt wird, als sein ungewöhnlicher Student Dius nicht nur intensiv an seinem Schreibprojekt arbeitet, sondern ihm auch eine Freundschaft anbietet, die mehr ist als nur akademisches Mentoring. Die Stimmung wechselt spielerisch zwischen konzentrierten Arbeitsphasen und langen, philosophischen Spaziergängen – ein angenehmer Rhythmus, der zum Weiterlesen einlädt, ohne künstlich zu wirken.
Was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, ist Hertmans‘ Fähigkeit, mit klarer, unaufgeregter Sprache komplexe Gefühle und eine tiefe Verbindung zwischen den Figuren spürbar zu machen. Anton und Dius sind keine Typen aus dem Lehrbuch, sondern echte Menschen mit Ecken, Kanten und ganz eigenen Sorgen. Dabei verliert der Autor nie die Leichtigkeit – das Buch atmet quasi frische Luft, selbst wenn die Themen unter der Oberfläche manchmal schwerer sind.
Klar, wer auf ödes Getue oder viel Drama steht, für den könnte das Tempo ein bisschen zu gemächlich sein. Ab und an hätte ich mir sogar noch einen Hauch mehr Spannung gewünscht, denn die introspektiven Passagen ziehen sich manchmal minimal durch. Aber das ist Lamentieren auf hohem Niveau, denn genau diese Ruhe macht „Dius“ auch so wertvoll.
Am Ende fühlt man sich ein kleines Stück weiser darüber, wie Freundschaft funktionieren kann – voller Offenheit, Nähe und gelegentlicher Distanz. Wer Lust hat auf eine Geschichte mit Herz und Verstand, in der Alltag und Großes sich die Hand reichen, ist hier definitiv richtig.
4 von 5 Sternen – ein charmantes, sanftes Buch, das man nicht so schnell vergisst.