Entzug
Kritik
Da sitzt man also da, starrt auf eine Wodkaflasche mitten auf dem Küchentisch und fragt sich: Wie konnte es nur so weit kommen? Genau diese Spannung fängt Christoph Peters in „Entzug“ auf ungeheuer authentische Weise ein. Die Geschichte begleitet den Erzähler auf seinem zähen, manchmal fast schmerzhaft offenen Weg zurück in die Nüchternheit, und das fühlt sich dabei immer echt an – keine Beschönigungen, kein Pathos, sondern ehrliche Worte über einen Kampf, den viele wohl nur zu gut kennen.
Wer sich hier auf eine simple Alkohol-Geschichte einstellt, wird überrascht sein: „Entzug“ ist vielmehr eine psychologisch dichte, fast intime Reise in die Gedankenwelt eines Menschen, dessen Kontrollverlust langsam, aber unerbittlich voranschreitet. Die Figuren, vor allem der Erzähler, sind tiefgründig gezeichnet und weit entfernt von Klischees; man spürt ihren inneren Zerriss, ihre Verzweiflung und gleichzeitig das winzige Flämmchen Hoffnung, das allmählich aufflammt.
Christoph Peters’ Schreibstil ist schnörkellos, ohne trocken zu sein, mit einem angenehm natürlichen Erzählton, der sofort Nähe schafft. Da gibt’s Momente, in denen man sich richtig hineinversetzt fühlt und denkt: „So einfach ist das also nicht.“ Die präzise Sprache und die minimalen, aber treffenden Details haben mir besonders gefallen. Ein bisschen schade fand ich, dass die Erzählung gegen Ende manchmal ein klein wenig vorhersehbar wirkte – aber hey, vielleicht liegt das ja an der Realität, die hier nicht romantisiert wird.
„Entzug“ ist definitiv kein Wohlfühlbuch, sondern eher ein Weckruf an alle, die sich für die vielschichtigen Facetten menschlicher Schwäche und Stärke interessieren. Wer also Lust auf eine ehrliche, mitfühlende und durchaus auch nachdenkliche Lektüre hat, findet hier echtes Lesefutter. Für mich war’s ein sehr bereicherndes Buch mit mehr Tiefgang, als ich zunächst vermutet hätte.
4 von 5 Sternen – weil es mitten ins Herz trifft, ohne zu beschönigen, und genau das manchmal einfach nötig ist.
Klappentext
„Entzug“ beginnt mit einer Wodkaflasche auf dem Küchentisch einer dreiköpfigen Familie an einem Montagmittag – und der Frage, wie sie da hingekommen ist. Hat der Erzähler sie dort allen Ernstes vergessen, während Frau und Kind auf dem Spielplatz waren? Von dieser Frage bis zur Selbsteinweisung in eine Klinik ist es für ihn allerdings noch ein weiter Weg. "Entzug" erzählt davon, wie der Alkohol die Kontrolle übernommen hat. Wie sich aus dem ständigen Druck, der Angst vor der Leere, dem Gefühl, nur mit Alkohol originell und locker zu sein, die gnadenlose Logik eines Gedankensystems herausbildet, das nur noch ein Ziel kennt: den nächsten Drink. Wie aus dem Betrug an den Menschen, die einem am wichtigsten sind, ein Betrug wird an sich selbst. Der Roman erzählt aber auch davon, wie im Augenblick der größten Auflösung der unbedingte Wille und die Kraft entstehen, das eigene Leben und die eigene Persönlichkeit zurückzugewinnen.
Ungekürzte Lesung mit Nico Holonics
10h 7min