Orkantief
Kritik
Man schlägt „Orkantief“ auf und hat sofort das Gefühl, mitten in einem stürmischen Kieler Herbst zu stehen – das knarrende Gutshaus, der wütende Wind, die geheimnisvolle Eiche, die eine düstere Wahrheit enthüllt. Was hier beginnt, ist eine Geschichte, die nach mehr schmeckt als nur einem Krimi am Abend. Es geht um verschwundene Menschen, gebrochene Familien und zwei ungewöhnliche Detektivinnen, Telse Himmel und Wanda Holle, die mit Neugier und viel Herzblut gegen das Schweigen um das Verschwinden des kleinen Kalli Holthusen ankämpfen.
Die Handlung zieht dich ein in ein Netz aus Geheimnissen und unerwarteten Verstrickungen – man will ständig wissen, wie alles zusammenpasst, doch Susanne Bergstedt erzählt so behutsam, dass sie das Tempo hält, ohne unnötig zu hetzen. Die Charaktere sind das wohl spannendste an diesem Buch: Telse und Wanda sind keine typischen Ermittlerinnen, sondern sympathische Alltagsheldinnen mit Ecken und Kanten, bei denen man oft schmunzeln muss – herrlich bodenständig und trotzdem klug. Ihr Zusammenspiel bringt eine angenehme Leichtigkeit in die doch recht düstere Grundstimmung.
Der Stil? Locker, knapp und dennoch atmosphärisch dicht. Bergstedt schafft es, mit einfachen Worten eine Kulisse zu malen, die nach Fischbrötchen und Salzluft riecht, begleitet von einer Portion norddeutschem Understatement. Mich hat besonders die Kombination aus Mystery und so was wie Freundinnensolidarität gepackt. Klar, manchmal ein bisschen vorhersehbar, und ab und an hätten die Ermittlungen etwas schneller vorankommen können – aber das ist keine große Nummer, eher ein kleiner Wermutstropfen.
Wer auf ruhige Kriminalgeschichten mit sympathischen Figuren und einem Hauch von Heimatflair steht, findet in „Orkantief“ genau den richtigen Stoff für gemütliche Lesestunden. Wer aber auf durchgeknallte Thriller mit Highspeed-Action wartet, könnte sich etwas mehr Tempo wünschen. Für mich ist „Orkantief“ ein gelungener Auftakt in eine spannende Reihe, die Lust macht auf mehr Team Himmel und Holle.
4 von 5 Sternen – unbedingt lesen, wenn ihr gerne mit Nordwind und Neugier die Geheimnisse hinter scheinbar perfekten Fassaden lüftet!