Wenn die Sonne untergeht - Familie Mann in Sanary (Autorisierte Lesefassung)
Kritik
Manchmal packt einen ein Buch einfach sofort – dieses hier zum Beispiel, mit seiner Mischung aus Hitze, Angst und familiärem Drama, fühlt sich fast an wie ein heißer Sommerwind, der die Haut streift und einen nicht mehr loslässt. Florian Illies nimmt uns mitten hinein in den Sommer 1933, in den kleinen Hafenort Sanary-sur-Mer, wo die Familie Mann, auf der Flucht vor der sich zuspitzenden politischen Lage, quasi gestrandet ist. Eine Familie, die nicht nur die Heimat, sondern auch ihr Gefühl von Sicherheit verloren hat – und sich in diesen drei Monaten voller Hitze, Spannung und nahender Zerreißprobe neu erfinden muss.
Im Mittelpunkt stehen Thomas und Katia Mann mit ihren sechs Kindern – wirkliche Menschen, gezeichnet von Leidenschaft, Angst und widersprüchlichen Gefühlen. Besonders faszinierend fand ich die intensive Dynamik zwischen den Charakteren, vor allem das Aufeinandertreffen von Klaus, Erika und ihrem Vater Thomas. Illies versteht es, diese komplexen Beziehungen so einzufangen, dass man nicht nur zuschaut, sondern fast mitfiebert – ganz ohne Drama-overload, sondern mit viel Fingerspitzengefühl und einer Portion Eleganz im Erzählstil. Der Ton bleibt dabei entschieden locker und fließend, die Sprache angenehm und zugänglich, ohne die Tiefe zu verlieren.
Was den Erzählstil angeht, hat Illies wirklich ein Händchen dafür, Historie lebendig werden zu lassen – man fühlt die Hitze, die Angst, die Hoffnungslosigkeit, aber auch die leisen Momente der Liebe und des Trotz. Stephan Schads Stimme im Hörbuch ergänzt das Ganze übrigens perfekt und gibt dem Ganzen noch eine ganz eigene Atmosphäre (für alle, die das Buch auch hören wollen).
Kritisch würde ich anmerken, dass die eine oder andere Passsage stellenweise doch etwas zu sehr ins Detail geht und damit das Tempo minimal ausbremst. Wer es also spannend und schnell mag, sollte sich darauf einstellen, dass Illies eher auf ein emotional tiefes Portrait als auf rasante Handlung setzt. Aber das tut der Gesamtwirkung keinen Abbruch.
Fazit: Für alle, die Lust auf eine spannende Mischung aus Familiendrama, Zeitgeschichte und intensiven Charakterstudien haben, ist „Wenn die Sonne untergeht“ ein echtes Juwel. Ein Buch, das man mitnimmt, um einzutauchen und das einen noch lange nach dem Lesen begleitet. Dafür gibt’s von mir 4 von 5 Sternen – ein Klassiker in spe, wenn man auf Gefühl und Geschichte steht, ohne sich im Historien-Kitsch zu verlieren.