Wenn dir das hier gefiel …
Der Vorleser
Key Facts
Kritik
Manchmal stößt man auf ein Buch, das einen einfach nicht mehr loslässt – „Der Vorleser“ ist so eines. Bernhard Schlinks Geschichte zieht dich sofort rein, obwohl sie sich erst langsam entfaltet. Die Handlung dreht sich um einen Jungen, der sich an eine viel ältere Frau verliert, die mehr verbirgt, als sie zeigt. Ihre gemeinsame Zeit ist geprägt von Nähe, Geheimnissen und einer bedrückenden Leere, die jahrelang nachhallt, bis sich die Puzzleteile ihrer Vergangenheit auf unerwartete Weise zusammensetzen.
Die Figuren sind wunderbar ambivalent und komplex. Hanna, die Frau, ist gleichzeitig faszinierend und rätselhaft, ihre Schwächen machen sie menschlich, nicht perfekt – das hat mich echt gepackt. Der Ich-Erzähler nimmt uns mit auf seine persönliche Reise, die von jugendlicher Unschuld zur schweren Auseinandersetzung mit Schuld und Erinnerung führt. Stilistisch ist Schlink sehr zugänglich, sein Erzählton ist zurückhaltend, fast nüchtern, aber genau das sorgt dafür, dass die Emotionen umso stärker wirken. Man fühlt sich, als säße man einem Freund gegenüber, der dir seine Geschichte erzählt – ohne großes Brimborium, aber mit viel Tiefgang.
Was ich ein bisschen vermisst habe, war mehr Tempo und Zwischentöne im Erzählfluss. An manchen Stellen zieht sich die Geschichte etwas und man wartet sehnsüchtig auf den nächsten Schlag, der das Geflecht auflöst. Außerdem könnte der Umgang mit dem schwierigen Thema für einige Lesende durchaus unangenehm sein – das muss man aushalten können, sonst ist das Buch schwer zu verdauen.
Für alle, die gern über Liebe, Schuld und moralische Grauzonen nachdenken und sich auf eine nachdenkliche, schmerzhafte, aber authentische Geschichte einlassen wollen, ist „Der Vorleser“ absolut empfehlenswert. Wer lieber leichte Lektüre ohne große Abgründe sucht, sollte vielleicht besser die Finger davon lassen.
Insgesamt ein Buch, das bleibt – nicht perfekt, aber eindringlich und wichtig.
3,5 von 5 Sternen.