Der alte Apfelgarten
Kritik
Manchmal braucht es genau so ein Buch, das einen mitnimmt an einen rauen, aber herzlichen Ort – und einen dabei nicht loslässt. „Der alte Apfelgarten“ von Sharon Gosling ist so ein Roman, der die schroffen Klippen Schottlands und die inneren Landschaften zweier sehr unterschiedlicher Schwestern wunderbar lebendig werden lässt.
Im Mittelpunkt stehen Bette und Nina Crowdie: zwei Frauen, die mehr trennt als verbindet – nicht nur der Altersunterschied von zehn Jahren, sondern auch ihre ganz unterschiedlichen Lebenswege und Vorstellungen. Als sie unerwartet gemeinsam die Family Farm erben, sieht es erst mal eher nach Konflikt als nach Harmonie aus. Dann kommt das dicke Erbe in Form von Schulden dazu, und plötzlich hängt alles am seltenen, längst vergessenen Apfelgarten, der nicht nur den Hof, sondern vielleicht auch die Beziehung der beiden retten kann. Klingt wie eine typische Familiensaga? Ja, aber Sharon Gosling bringt dank feinfühliger Charakterzeichnung und einem wohltuend unaufgeregten Erzählton echtes Leben in die Geschichte.
Die Figuren sind keine eindimensionalen Klischees, sondern echte Menschen mit Macken und Zweifeln. Besonders Bette hat mich überrascht: Ihre Distanz zur Heimat und der zarte Versuch, alte Wunden zu schließen, wirken absolut nachvollziehbar. Der Stil ist angenehm flüssig, nicht zu großspurig, sondern mit einer Portion nordischer Lakonie, die wunderbar zur Szenerie passt. Ab und zu hätte ich mir ein bisschen mehr Tempo gewünscht – die Geschichte zieht sich manchmal etwas in die Länge –, aber das ist wirklich Jammern auf hohem Niveau.
Wer Heimatgeschichten, Geschwisterdramen und eine Prise Naturidylle mit einem Hauch Geheimnis mag, wird hier glücklich. „Der alte Apfelgarten“ ist kein Thriller, kein dramatisches Feuerwerk, sondern eher ein gemütliches Kaminfeuer, das Wärme und Nachdenklichkeit schenkt.
Kurzum: Ein Buch für Leser:innen, die sanfte Dramen und authentische Charaktere in wunderschöner Landschaft schätzen. Ich vergebe 4 von 5 Sternen – weil ich mich ein Stückweit selbst in den Apfelgarten hineinträumen konnte.