Corpus delicti: Ein Prozess
Kritik
Schon beim Aufschlagen von „Corpus delicti: Ein Prozess“ spürt man, dass hier kein gewöhnlicher Roman auf einen wartet – Juli Zeh hat eine Welt erschaffen, die uns auf erschreckend realistische Weise vor Augen führt, wo unsere Gesellschaft hinsteuern könnte. In einer nahen Zukunft, in der Gesundheit zum obersten Gesetz erhoben wird, muss die Protagonistin Mia Holl für das vermeintliche Vergehen der „Körpervernachlässigung“ vor Gericht kämpfen. Kein klassischer Krimi, eher ein kluges und unbequemes Gedankenexperiment über Freiheit, Überwachung und persönliche Verantwortung.
Mia Holl ist nicht einfach nur eine Figur, sie steht stellvertretend für uns alle, die zwischen Kontrolle und Selbstbestimmung zerrieben werden. Ihr Kampf auf der Anklagebank ist so emotional wie intellektuell faszinierend – man fiebert mit ihr, will ihr zugleich in den Rücken fallen, weil sie manchmal fast zu naiv wirkt. Juli Zehs Stil nervt nicht mit übertriebener Science-Fiction-Dramatik, sondern bleibt klar, präzise und schnörkellos. Gerade das macht den Roman unwiderstehlich lesbar, auch wenn man sich dabei ziemlich unwohl fühlen kann. Der Text radelt einem quasi permanent einen Spiegel vor – genial!
Klar, manche Passagen ziehen sich etwas, besonders wenn es sehr juristisch oder philosophisch wird, da hätte ich mir zwischendurch mehr Tempo gewünscht. Außerdem ist die Stimmung durchgehend eher düster, was nicht jedem Leser schmecken wird. Aber gerade diese dunkle Atmosphäre bringt das Ganze eben so nah an unsere Realität, dass man kaum wegsehen kann. Es ist eben kein schnelles Unterhaltungswerk, sondern eine Herausforderung fürs Hirn.
Wer sich für gesellschaftspolitische Fragen interessiert, gerne mal über den Tellerrand blickt und Lust auf ein kluges, ernsthaftes Buch hat, das lange nachhallt, sollte hier unbedingt zugreifen. Für Fans von dystopischen Szenarien mit Tiefgang ist „Corpus delicti“ ein Must-Read.
Mein Fazit: Ein absolut spannendes, provozierendes Buch, das die Nerven kitzelt und den Geist fordert – spannend, unbequem und auf den Punkt. Dafür gibt’s von mir 4 von 5 Sternen.
Klappentext
Deutschland in naher Zukunft: Es herrscht eine Gesundheitsdiktatur. Die junge Mia Holl muss vor Gericht erscheinen, sie hat die Sorge um ihren Körper sträflich vernachlässigt. So beginnt eine Verhandlung, die immer mehr zum Schauprozess ausartet.
Juli Zeh entwirft ein Science-Fiction-Szenario und trifft damit den Nerv einer hochaktuellen Debatte um Freiheit, Sicherheit, Prävention und die Aufgaben des Staates. Ein scharfsinniges Gedankenspiel, verstörend wie Orwells "1984".