Oben Erde, unten Himmel (Ungekürzt)
Kritik
Manchmal liest man ein Buch, das einen von der ersten Seite an still werden lässt – „Oben Erde, unten Himmel“ von Milena Michiko Flasar gehört definitiv dazu. Es nimmt dich mit in eine Welt, die du im Alltag wohl kaum bewusst wahrnimmst, aber die trotzdem allgegenwärtig ist: Menschen, die leise und einsam sterben, ohne dass es jemand mitbekommt. Klingt erstmal schwer? Ist es auch. Und trotzdem schafft es Flasar, diese Geschichte mit einer sensiblen Leichtigkeit zu erzählen, die berührt, ohne zu erdrücken.
Im Mittelpunkt steht Suzu, die in einem Team arbeitet, das sich um jene Verstorbenen kümmert, die keiner vermisst zu haben scheint. Dabei treffen wir nicht nur auf das Leben nach dem Leben, sondern auch auf das verzweifelte, manchmal triste Dazwischen – auf Leben, die sich leise auflösen. Was mir besonders gefallen hat: Suzus Entwicklung. Anfangs ist sie eher widerwillig, doch mit jedem Fall wächst ihr Respekt für die Menschen, die sie begleitet – und auch das Verständnis für sich selbst. Da ist nichts Künstliches, sondern ehrliches, leises Wachstum. Die Figuren wirken echt, keine abstrakten Symbole, sondern Menschen mit Geschichten, Hoffnungen und Bruchstellen.
Der Schreibstil? Einfach zugänglich, fast schon frisch und ungekünstelt, was bei so einem ernsten Thema ein echter Pluspunkt ist. Flasar verzichtet auf Pathos und schaukelt uns stattdessen sanft durch diese stille Welt. Immer wieder musste ich schlucken oder einfach nur innehalten und tief durchatmen – das ist Literatur, die nachhallt.
Kritisch? Ja, manchmal hätte der Erzählfluss ein kleines bisschen mehr Dynamik vertragen können. Es passiert viel im Kopf und Herz, aber weniger auf der Handlungsebene – das kann für Leser, die mehr Tempo mögen, durchaus etwas zäh sein. Aber hey, das ist hier wohl auch gar nicht das Ziel.
Wer also offen für Geschichten ist, die leise erzählen und dabei tief unter die Haut gehen, der ist hier genau richtig. Wer aber auf dicken Plot oder schnelle Action steht, weiß vielleicht besser, was ihn erwartet.
Insgesamt eine einfühlsame, nachdenkliche Reise in ein aktuelles gesellschaftliches Thema – mit Charakteren, die man nicht so schnell vergisst.
4 von 5 Sternen.