Der stille Freund
Kritik
Schon nach den ersten Sätzen fühlt man sich mitten drin in einem Gedankenspiel, das zwischen Nähe und Distanz, Schweigen und lauten Momenten balanciert. Ferdinand von Schirach nimmt uns mit auf eine Reise durch unterschiedlichste Geschichten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben – und doch verbindet sie alle eines: die leise, oft unbeachtete Verletzlichkeit des Menschen.
In "Der stille Freund" bewegt sich der Autor zwischen verschiedenen Schauplätzen von Berlin bis zur Côte d’Azur und erzählt von Begegnungen, die unser Leben unmerklich verändern können. Ob es um berühmte Persönlichkeiten wie Gottfried von Cramm oder weniger bekannte Figuren geht, die Erzählungen sind niemals bloß Anekdoten, sondern kleine Spiegel der menschlichen Existenz. Dabei behält Schirach stets die Balance zwischen Gesellschaftskritik, philosophischen Reflexionen und einer manchmal fast poetischen Milde. Die Stimme des Autors, mit der er die ungekürzte Lesung selbst vorträgt, verleiht den Geschichten extra Lebendigkeit und Authentizität – ehrlich, ruhig, nah.
Was mir besonders gefallen hat, ist dieser schlichte, klare Stil, der ohne Schnörkel auskommt, aber trotzdem tiefgründig wirkt. Man spürt förmlich diesen subkutanen Spannungsbogen in jeder Erzählung, die kleinen Wendungen, die einen nicht kalt lassen. Manchmal hätte ich mir ein bisschen mehr Tempo gewünscht, gerade bei Motiven wie Kriminalität oder historischen Momenten, denn manchmal zieht es sich ein wenig in die Länge. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn gerade diese Ruhe macht den besonderen Flair aus.
Kurz gesagt: Wer Lust auf nachdenkliche Miniaturen hat, die mal melancholisch, mal hoffnungsvoll den Blick auf das Unsichtbare im Alltag richten, der ist hier genau richtig. "Der stille Freund" bietet intime Einblicke in die Brüche und Triumphe des Menschseins – erzählt mit großer Empathie und dem feinen Gespür eines erfahrenen Schriftstellers. Für alle, die lieber langsam genießen als hektisch konsumieren und gerne mal die leisen Zwischentöne hören.
4 von 5 Sternen – weil die Geschichten mich berührt haben, mich zum Nachdenken gebracht und manchmal fast geflüstert haben. Ohne großen Aufruhr, dafür mit viel Herz.
Klappentext
Ferdinand von Schirach schreibt über die Verletzlichkeit des Menschen, über seine Triumphe und sein Scheitern. Seine Geschichten erzählen von der Gesellschaft, vom Tod und von Verbrechen, von Musik, Film, Malerei und Philosophie. Sie spielen in Berlin, Kapstadt, Rom, Wien und an der Côte d´Azur. Sie berichten von privaten Begegnungen, von historischen Ereignissen und von Persönlichkeiten wie dem Tennisspieler Gottfried von Cramm, dem Architekten Adolf Loos oder dem Wiener Schriftsteller, Schauspieler und Kulturphilosophen Egon Friedell. Und immer wieder erzählt er von Zufällen, die ein Leben unaufhaltsam verändern, von der Unbegreiflichkeit und Großartigkeit des Menschen, von der Unsicherheit des Daseins und der Sehnsucht nach Schutz, Sicherheit und Freiheit.
Neue Erzählungen von Bestsellerautor Ferdinand von SchirachGelesen vom Autor"Ein großartiger Erzähler!" DER SPIEGEL
Ungekürzte Lesung mit Ferdinand Schirach
4h 11min