Wenn dir das hier gefiel …
Corpus Delicti
Key Facts
Kritik
Schon der Gedanke an eine Gesellschaft, in der Gesundheit zur obersten Bürgerpflicht erkoren wird, hat mich beim Lesen von „Corpus Delicti“ ordentlich gepackt. Juli Zeh entwirft hier ein Zukunftsszenario, das überraschend nah an unserer Realität kratzt und einen echten Denkanstoß liefert: Wie viel Kontrolle geben wir über unseren Körper ab – und was passiert, wenn das Recht auf Selbstbestimmung in den Hintergrund rückt?
Im Mittelpunkt steht Mia Holl, eine starke, selbstbewusste Frau, die sich vor Gericht verantworten muss. Was genau ihr zur Last gelegt wird? Dass sie zu viel liebt, zu viel denkt und vor allem zu unabhängig ist – Eigenschaften, die in dieser Gesundheitsdiktatur plötzlich als gefährlich gelten. Die Handlung zieht einen schnell in ein dichtes Netz aus moralischen Fragen, politischer Kontrolle und persönlicher Freiheit.
Juli Zehs Schreibstil ist klar, präzise und dabei immer gut zugänglich. Man fühlt sich mit Mia verbunden, zwischendurch fühlt sich die Lektüre fast wie ein Gespräch an, bei dem man selbst immer wieder ins Grübeln gerät. Besonders gefallen hat mir, wie Zeh die Wissenschaft und das Justizsystem so glaubwürdig und zugleich beklemmend darstellt – das bekommt einen fast unheimlich nahen Realitätsbezug, ohne dass es jemals zu trocken wird.
Klar, das Buch ist vielleicht nicht für alle, die schnelle Action und lockeres Entertainment suchen. Manchmal schleichen sich Längen ein, vor allem bei den Gerichtsdebatten, die stellenweise etwas langatmig wirken. Und der Science-Fiction-Aspekt bleibt eher im Hintergrund, eher als glaubwürdiger Rahmen, denn als handfeste Zukunftsvision mit viel Spannung.
Alles in allem: Für alle, die sich gerne mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen und eine starke, gut gezeichnete Protagonistin mögen, lohnt sich „Corpus Delicti“ auf jeden Fall. Gerade in der heutigen Zeit wirkt das Buch beängstigend aktuell und regt zum Nachdenken an – ohne zu belehren.
3 von 5 Sternen – spannend, provokant und zum Nachdenken anregend, aber mit kleinen Schwächen in Tempo und Erzählfluss. Wer sich auf eine tiefgründige Lektüre einlassen kann, wird hier eine interessante Geschichte finden.
Klappentext
Jung, attraktiv, begabt und unabhängig: Das ist Mia Holl, eine Frau von dreißig Jahren, die sich vor einem Schwurgericht verantworten muss. Zur Last gelegt wird ihr ein Zuviel an Liebe (zu ihrem Bruder), ein Zuviel an Verstand (sie denkt naturwissenschaftlich) und ein Übermaß an geistiger Unabhängigkeit. In einer Gesellschaft, in der die Sorge um den Körper alle geistigen Werte verdrängt hat, reicht dies aus, um als gefährliches Subjekt eingestuft zu werden. Juli Zeh entwirft in "Corpus Delicti" das spannende Science-Fiction-Szenario einer Gesundheitsdiktatur irgendwann im 21. Jahrhundert, in der Gesundheit zur höchsten Bürgerpflicht geworden ist.