Wie kann sie nur? (ungekürzt)
Kritik
Schon in den ersten Seiten dieses Buchs hat mich Sophie Passmann komplett abgeholt – ihre pointierten Beobachtungen über den Alltag von Frauen im Internet treffen genau ins Schwarze, ohne dabei belehrend oder trocken zu wirken. „Wie kann sie nur?“ ist kein lauter Protest, sondern eher ein kluger, amüsanter Blick hinter die Kulissen der Selfie-Kultur, der Influencer-Spielchen und der zelebrierten Selbstinszenierung, die uns alle irgendwie fasziniert und gleichzeitig ganz schön nervt.
Im Zentrum steht das Dilemma, das jede Frau im Netz kennt: Wann ist ein Foto zu viel, wann zu wenig? Botox oder natürlicher Look? Und warum reagieren wir so widersprüchlich auf diese Paradiesvögel der Social-Media-Welt – bewundern und verurteilen sie zugleich? Passmann nimmt hier kein Blatt vor den Mund, analysiert mit scharfer Beobachtungsgabe und einer Portion Selbstironie Phänomene von Hailey Bieber über Charli XCX bis hin zu Taylor Swift. Das macht das Ganze nicht nur unterhaltsam, sondern auch höchst relevant für alle, die schonmal in dieser verrückten Online-Blase gefangen waren.
Was richtig gut klappt: der Stil. Locker, witzig, direkt – aber immer mit Tiefgang. Passmanns Sprache hat diese lässige Note, als würde man sich mit einer Freundin über die Absurditäten des Internets unterhalten, die aber eben verdammt viel verstanden haben will von dem, was sie erzählt. Man fühlt sich ernstgenommen, aber nicht belehrt, was bei solchen Themen Gold wert ist.
Kritisch? Manchmal hätte ich mir bei einigen Ausführungen noch mehr Perspektivvielfalt gewünscht – manchmal bleibt’s schon recht sehr auf Passmanns persönliche Erfahrungen fokussiert, was den Blick auf das große Ganze ein kleines bisschen verengt. Außerdem wirkt die konsequente Selbstreflexion gelegentlich fast schon zu selbstzerfleischend – ein bisschen mehr Lockerheit hätte dem Buch an manchen Stellen gut getan.
Wer also schonmal an der eigenen Timeline gezweifelt hat, wer wissen will, warum wir uns ständig fragen „Wie kann sie nur?“ und dabei selbst Teil des Phänomens sind, der findet hier eine großartige Mischung aus Schlauheit, Humor und einer gehörigen Portion Ehrlichkeit. Kein schwerer Ratgeber, keine trockene Soziologie, sondern ein Buch, das man gerne und mit einem Grinsen liest – und danach das Handy kurz weglegt, nur um die Gedanken etwas sortieren zu können.
Fazit: Ein cleverer, unterhaltsamer Spiegel unserer digitalen Selbstinszenierung mit Ecken, Kanten und echten Aha-Momenten – absolut lesenswert für alle, die mit einem Augenzwinkern durch den Insta-Dschungel navigieren wollen.
Bewertung: 4 von 5 Sternen.